Dampfloks in Eritrea – Abenteuerreise mit dem Devisenbringer

Die Strecke zwischen Massawa am Roten Meer und der Hauptstadt Eritreas, Asmara, in den Bergen gilt unter Eisenbahnern als Krönung der Ingenieurskunst. 1887 haben die damaligen italienischen Kolonialherren in der Hafenstadt Massawa mit dem Bau der 95-Zentimeter-Schmalspurbahn begonnen. Ziel war die Konsolidierung der frisch eroberten Kolonie. Sie sprengten 30 Tunnel in den Fels, bauten 35 Brücken und 14 Viadukte. Als sie 1911 schließlich Asmara in den Bergen erreichten, war das eine Sensation – noch ein paar Jahre zuvor hatten Experten ein solches Unterfangen für schlichtweg unmöglich erklärt. Bereits 1928 fuhren jährlich mehr als 100 000 Passagiere mit den „Ferrovie Eritree“. Im Jahr 1965 waren es sogar schon 446 000.

Heute allerdings rosten die letzten zehn Dampflokomotiven im Bahnhof von Asmara vor sich hin. Nach der Niederlage und dem Abzug der Italiener 1941 hatten zunächst die Briten, die neuen Kolonialherren, Teile des Schienensystems demontiert. Dann verleibte sich Äthiopien Eritrea ein und ließ die Region verwahrlosen. Von Beginn des Unabhängigkeitskrieges bis Anfang der 90er Jahre kam der Schienenverkehr schließlich vollends zum Erliegen. Zwar wurde Eritrea 1993 ein eigener Staat, erholt oder gar weiter entwickelt hat er sich jedoch kaum.

Nur allzu selten verirren sich ausländische Besucher in die abgeschottete Bergwelt zwischen Dschibuti, Sudan und Äthiopien. Im Dezember 2014 jedoch reisen ein paar Eisenbahnenthusiasten in das Nordkorea Afrikas. Ihre Faszination für die dort erhalten gebliebenen Dampflokomotiven überwiegt die Reisewarnungen des Auswärtigen Amtes. Der Berliner Reiseunternehmer Bernd Seiler organisiert solche Fahrten für Dampflok-Fans; er und seine Freunde haben bereits das ganze Panoptikum heruntergewirtschafteter Autokratien besichtigt – der Stillstand erhält die Dampflokzeit. Eritrea macht da keine Ausnahme: Auch hier scheint die Zeit stehen geblieben zu sein. „Sie halten uns für harmlose Spinner. Wir sind nur an alten Eisenbahnen interessiert, deshalb kommen wir überall rein.“ So kommt es, dass in Eritrea die marode Eisenbahn als Devisenbringer reaktiviert wurde.

Eine Reportage für das Magazin Stern.


Stern Nr. 06 / 2015

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Geo (Frankreich) Hors Serie Collection / April 2016

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Dezember 2014 Stern Reportage & Essay